Mein erster Marathon oder Lektionen in Demut

Mein erster Marathon oder Lektionen in Demut

Paris, 7. April 2013

Da stehe ich also nun, mitten auf der Avenue Foch. Um mich herum Tausende erschöpfte Gestalten. Bei Vielen schimmert ein glückliches Grinsen durch das schmerzverzerrte Gesicht, manche wirken einfach nur noch apathisch. Ich selber weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Am Ende ist es auch völlig egal. Ich bin da. Am Ende von 42,195km und einer fast halbjährigen Vorbereitung auf meinen ersten Marathon. Und nichts war so, wie ich es mir vorgestellt habe.

 

Zum ersten Mal ernsthaft auf eine Lauf vorbereitet hatte ich mich für den Halbmarathon in Venlo 2011. Das gesetzte Ziel habe ich auch gleich erreicht und in den folgenden Monaten dann weitere HMs mit immer besseren Ergebnissen absolviert. Perfekt. Außerdem den 100km langen Oxfam Trailwalker zusammen mit den anderen Engel&Helden in 25h hinter mich gebracht und auch noch Trailtouren in der Eifel absolviert. Wer sollte mich noch aufhalten? There’s a new kid on trail, yeah.

 

Es konnte also nur noch darum gehen, aus dem ersten Marathon einen vollendeten Triumph zu machen. Also einen Profi zu Rate gezogen, Herzfrequenzmessung ertragen, Laufstilanalyse durchgeführt und dann 5 Monate trainiert. Fünf Monate Dunkelheit, Regen, Schnee, Eis oder beliebige Kombinationen davon. Sucht es Euch aus. Dann fällt auch noch Tamara als Trainingspartnerin aus und ich laufe immer öfter alleine. Eine Grippe zwingt mich 2 Wochen in die Knie. Doch ich stehe wieder auf und halte durch, immer das triumphale Finish in Paris vor Augen. Als letzten Testlauf absolviere ich den Venlo HM bei saumäßigen Bedingungen mit neuer PB. Call me endurance.

 

Anfang

 

Dann steh ich endlich im Startblock für meinen Marathon. Breitbeinig auf der Champs Elysee. Niemand wird mir das jetzt mehr nehmen können. Und dann geht es endlich los. Locker, entspannt gehen die ersten 5km vorbei. Ich liege perfekt in der Zeit. Am Straßenrand stehen Pariser mit Baguette und verpennte Touristen. Ich schenke ihnen ein Lächeln, ihr wisst gar nicht was ihr verpasst. Die nächsten 5km macht sich Euphorie breit: Das ist er also, mein Marathon. Meiner. Im Bois de Vincennes treffen wir Athleten auf Sonntagsjogger. “Hey, solltet Ihr nicht auch mal einen langen Lauf angehen?”

 

Langsam kommt die Semi-Marathon Marke näher. Zum ersten Mal spüre ich mein Beine. Aber was soll’s, I am a Long Distance man!

 

Bei km 19 spüre ich meine Energie schwinden. Jetzt bis zur 21 durchhalten, da gib es Energiedrinks. Ich schaffe es die Pace zu halten und stürze gleich mehrere Becher der blauen Flüssigkeit runter. Danach noch Wasser. Jetzt nur ein bisschen durchhalten, dann werde ich die Wirkung spüren und mit neuer Energie die zweite Hälfte angehen.

 

Okay, bis dahin ein ganz wenig das Tempo raus. Ich lege eh perfekt in der Zeit. Aber auf einmal spüre ich noch was anderes: Durst. Das kann nicht sein, ich habe an allen Wasserstellen getrunken. Ich habe die letzten drei Tage getrunken. Ich bin Wasser!

 

Falsch, ich denke nur noch an Wasser. Wasser. Wasser. Ich überlege, ob ich mir eine der vielen weggeworfenen und nur teilweise geleerten Flaschen schnappe. Stattdessen laufe ich weiter.

 

Wir laufen in einen langen Tunnel, außer Sicht der Zuschauer beginnen einige zu gehen. Meine Beine brennen, ich gehe auch. Bis mir jemand im Vorbeilaufen auf die Schulter klopf und “Allez, Allez” zuruft. Ich laufe wieder an. Aber ich weiß, das meine Zeit im Eimer ist, mein Wille den ersten Knacks hat.

 

Wieder Durst, es macht mich wahnsinnig. Vielleicht sind 21km doch eher meine Distanz? Ich verbiete mir den Gedanken auszusteigen, er ist zu schön. Gottseidank steht irgendwann Tamara am Straßenrand und feuert mich an: Du schaffst es! Ja, ich werde es schaffen. Aber wie?

 

Irgendwann komme ich am Eiffelturm vorbei. Weiß ich heute,denn ich habe ihn beim Laufen nicht gesehen. Noch bis zur nächsten Wasserstation, dann kann ich wieder ein paar Schritte gehen. Auf meine Uhr schaue ich schon lange nicht mehr, verhandle mit mir selbst über jede weiteren Kilometer. Rede mir ein irgendwann auch aus dem Tief wieder raus zukommen. Ist doch immer so, oder

 

Kilometer 30 ist geschafft, nur noch 12 weitere. Eine kleine Abendrunde. Mittlerweile bewege ich mich in einem schlurfenden, stolpernden Pulk. Leere Gesichter um mich herum. Das Publikum hält dagegen, ich bin dankbar für jedes aufmunternde Allez, Peter. Alles hilft. Irgendwie mache ich weiter. Laufe, schlurfe, gehe, laufe. Nur einen Gedanken noch: Ankommen. Unbedingt ankommen.

 

Im Bois de Boulogne geht es noch einmal den Berg hoch. Berg, das sind vielleicht 20 Höhenmeter. Aber es tötet mich! Ich will nicht mehr. Nie mehr. Dann kurven wir um eine Jagdkapelle, die mir vollkommen surreal vorkommt. Die Strecke füllt sich wieder mit Publikum, das Tempo steigt. Es ist, als würde vom Ziel eine körperliche Anziehungskraft ausgehen. Auch ich werde gezogen. Noch zwei Kilometer, noch ein Kilometer. Irgendwann kommen wir um eine Kurve und dann ist das Ziel 200 Meter vor mir. Ich laufe, werde schneller und meine über die Linie zu fliegen auch wenn es für alle anderen nach Schlurfen aussieht.

 

Ich weiß nicht ob ich weinen oder lachen soll. Ich mache beides. Ich bin angekommen – und ganz am Anfang.

 

Ende Peter

2 Comments On This Topic
  1. Holger
    on Apr 11th at 06:48

    Sehr schön geschrieben, ich hab echt mitgefiebert. Herzlichen Glückwunsch zum ersten und bestimmt nicht letzten Marathon. Stimmt’s? du hast schon wieder den Terminkalender gewälzt, oder?
    Keep on Running

    • Peter Urban
      on Apr 11th at 11:49

      Stimmt! Allerdings sieht der Herbst eher nach Trail aus … Oxfam Trailwalker und Pfalztrail.


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