DNF: Do not fuck – yourself up

DNF: Do not fuck – yourself up

50.000 Läufer, ich mittendrin. Und alles läuft nach Plan. Nach ätzenden Winterwochen mit ekligem Wind, scheint nun die Sonne über die Pariser Prachtstraßen und wir laufen locker los. Ich freue mich auf all kommenden Kilometer – auch wenn ich weiß, dass das Ende lang und bitter wird.
Aber der mulmig erwartetete Start war toll, Gänsehaut pur! Als ich endlich meine kalten Füße spüre, genieße ich wirklich jeden einzelnen Schritt.
 
Bei Kilometer 5 holen wir zwar unsere Getränke aus dem Müllcontainer (aber das ist eine andere Geschichte und die kann Thomas besser erzählen…) – aber alles ist fein.
 
Bei Kilometer 7 ist mir plötzlich flau. Komisch, naja, Kilomter 7, was soll es mir schon schlecht gehen? 7 Kilometer sind nichts, die laufe ich doch auf einem Zeh ab! Ich werde einfach darüber darüber weglaufen und es vergessen. Aber irgendwie wird es nicht besser. Ich hangle mich von Kilometer zu Kilometer. Bei Kilometer 12 kann ich nicht länger ignorieren was mein Körper mir von Kopf bis Fuß mitteilen will: Er kann nicht mehr laufen!
 
What the fuck??? Jetzt schon?
 
Ich nutze alles, was ich aufbieten kann. Ich stelle mir die aufmunternden Gesichter derjenigen vor, die gerade in Gedanken bei mir sind. Ich sage vor mich hin „laufe jederzeit fröhlich….“ (you know, Daniela). Denke an all die Vorbilder, an die großartigen Ultraläufer, die so viel schneller und ausdauernder sind als ich und versuche statt Asphalt einen Waldweg unter mir zu spüren. Das alles hilft – für genau 3 Sekunden.
 
Meine Beine, die mir auf den letzten Läufen immer gezeigt haben, wie gut es Ihnen geht, scheinen mich nicht mehr zu tragen. Gut, denke ich, dann nehme ich eben Tempo raus und erhole mich. Aber selbst als ich fast schleiche, ich erhole mich einfach nicht. Thomas schaut mich von der Seite etwas hilflos an, ich weiß aber selber nicht wie mir geschieht.
 
Ich scanne mich durch: Ich bin solide vorbereitet und sogar – dank der Franzosen – marathon-tauglich geschrieben. Ich habe keinen Hunger. Ich bin gut hydriert. Ich habe gut geschlafen. Ich habe Lust zu laufen. Das Magengrummeln heute morgen war sicher Aufregung. Nur – mein Körper ist anderer Meinung.
 
Bei der Wasserstation an Kilometer 15 weiß ich: das wird das erst DNF meiner Läuferlaufbahn. Ausgerechnet hier und jetzt. Mein erster Marathon – ich will es nicht wahrhaben! Ich denke alle Optionen durch (gehen, pausieren, sofort aufhören, weiterlaufen bis zum Zusammenbruch), mir fällt aber keine Lösung mit der ich leben kann. Ich bin wütend, enttäuscht – ich will einfach nicht aufgeben.
 
Aber als ich durch den Semi-Marathon-Bogen laufe, weiß ich: Wenn ich jetzt nicht bald aufhöre, dann lande ich in einem Krankenwagen. Meine Ohren rauschen, mir wird immer mal kurz schwarz vor Augen. Mein Kreislauf hat die Geduld mit mir verloren.
 
Wenn wir irgendwie in den Zielbereich und zu Tamara kommen wollen, müsen wir noch ein Stück weiter und solange hoffe ich auf ein Wunder. Thomas ist so nett sich meinem Tempo anzugleichen. Wir gehen, laufen, gehen, stoppen, gehen, laufen – Thomas geht mit. Er leidet mit, ich sehe es*.
 
Dann kommt der lange Tunnel am Seine-Ufer. Es ist noch schlimmer als gedacht: Drinnen gehen fast alle und es ist laut, stickig und noch wärmer als in der mittlerweile ziemlich milden Pariser Frühlingsluft. Nur raus hier. Hierdrin umzukippen wäre ein Horror. Dabei merke ich, wie mir mit jedem Meter die Kräfte schwinden. Ich bin entsetzt über mich selbst: Es geht mir schlecht, schon seit Kilometer sieben. Aber ich laufe wie um mein Leben. Irgendwas ist definitiv nicht in Ordnung und wenn ich das endlich akzepiere wird mir nichts passieren außer drei dummen Buchstaben. Aber ich hasse diese Buchstaben! Sanitäter mit Trage hasten an mir vorbei und das macht es mir einfacher meinen Enschluß zu fassen: Aussteigen – sobald ich wieder an der frischen Luft bin.
 
Als wir Tamara beim Rauslaufen aus den Augenwinkeln am Tunnelrand sehen (und brüllen hören), steuern wir an die Seite. Ich erstatte stotternd Bericht, dabei heule ich fast los. Aber ausgerechnet Tamara hat all die Wochen nur mit Wasser unter den Füßen joggen können und soll sich jetzt mein Geknatsche anhören? Das ist keine Option und so schlucke ich die Tränen runter.
 
„Lieben was ist“, Tanjas Spruch holt mich förmlich von hinten ein. Ich setze mich und blinzle in die Sonne. Ich beginne wieder zu leben. Schön ist es hier, da ist der Eifelturm. Wann ist Peter vorbeigekommen? Hat Tamara ihn gesehen? Wie sah er aus? Hat er was gesagt?
 
Wir gehen (oder besser: ich stolpere) gemeinsam in den Zielbereich und warten angespannt auf Peter. Ich sehe an Tamaras Gesicht, dass Ihr I-Phone immer noch keine aktuelle 35 km-Zeit von ihm anzeigt und beginne zu beten. Ich will, dass wenigstens (m)ein Held durchkommt.
 
Nachtrag: Ihr wisst – er kam. Ein Held im Marathon-Müllbeutel die wie Flügel aussahen :-).
Und ich habe es geschafft, die folgenden Stunden in Paris zu genießen. Am Dienstag schmiedeten wir schon wieder Pläne und stellt Euch vor: Gestern Abend war ich laufen – und es lief.

 

* Einen besonderen Dank geht an Thomas, für Begleitung und Geduld. Das war wohl nichts mit Deinem Plan, entspannt einen langen Lauf in toller Atmosphäre zu machen…

2 Comments On This Topic
  1. Holger
    on Apr 16th at 08:04

    Zum aufhören bei solchen Läufen gehört manchmal mehr courage als das Ding durchzuziehen.
    Marathons gibt es viele, aber Gesundheit nur eine.
    Bei meinem ersten DNF dachte ich die Welt bricht zusammen. Im Nachhinein war es ein eindeutiges Zeichen meines Körpers.

    der Blick ist ja schon nach vorne gerichtet, also auf zu neuen Taten.

    P.s. es lag bestimmt am hohen Asphaltanteil ;-)

    • Ruth
      on Apr 16th at 13:14

      Danke Holger! Du triffst mal wieder ins Schwarze. Aufhören ist echt schwer, dabei denkt man doch es ist so leicht einfach stehen zu bleiben!
      Ja, der Asphalt. Ich denke, der ist eh alles schuld :-).


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